Unterlassende UnternehmerAn
vielen Orten der Republik gibt es Automuseen. Ein Bummel lohnt sich auch für
den, der nicht zu den Fanatikern rollender Egoprothesen gehört. Wer sich
Borgward, Isetta und Käfer aus vergangenen Jahrzehnten betrachtet, der spürt
den enormen Wandel. Vor 30 oder 40 Jahren hätte wohl kaum jemand
geglaubt, eines Tages würden Autos wie fahrende Wohnzimmer mit CD-Player,
Klimaanlage und Navigationssysteme daherkommen. Und erst die
Geschwindigkeit. Ein Automuseum ist der lebendige Beweis dafür, wie sich
eine Branche von Produktanbietern in atemberaubender Zeit entwickelt, Wünsche
und Träume von Konsumenten in die Tat umgesetzt hat. Ein
Museum für die Produkte von Arbeitskraftunternehmern gibt es hierzulande
nicht. Natürlich nicht. Denn kaum jemand ist in Deutschland bereit, die
Anbieter von Arbeitskraft als Unternehmer zu verstehen. Sie selbst am
wenigsten. Zu viele verhalten sich wie eh und je: Schulzeit absitzen.
Lehrstelle suchen. Ausgelernt haben. Lebenslang sicheren Arbeitsplatz
suchen. Das Leben genießen. Ansprüche stellen. Am Arbeitsmarkt wird mehr
unterlassen als unternommen. Vor
35 oder 40 Jahren war das noch ein Erfolgrezept. Arbeit war reichlich da,
Arbeitskräfte so knapp, dass man sie importieren musste. Doch die Zeiten
haben sich geändert. Die Isetta gibt es nicht mehr, dafür den 3er von
BMW. Und der Nachfolger des Käfer heißt heute Golf. Die Putzfrau aber,
die gibt es immer noch. Heute
ziehen sie aber nicht mehr in Scharen mit Feudel und Eimer über die Flure
von Schulen, Behörden und Verwaltungen. Das wäre auch ein teurer Spaß:
7,75 € pro Stunde kostet heute nach Tarifvertrag die einfache Gebäudereinigungskraft.
Zuzüglich gewaltiger Lohnnebenkosten. Deshalb fährt heute eine
angelernte Kraft die große Reinigungsmaschine, die im Zweifel gründlicher
arbeitet als ihre 10 Vorgängerinnen auf zwei Beinen. Aber vor allem
billiger. Die Arbeit ist die gleiche geblieben: Feuchtreinigung großer Flächen.
Nur die Preise der Zweibeiner sind explodiert. Deshalb wurden 20 Beine
ersetzt durch eine Maschine mit vier Rädern. Was
nun, Frau Putzfrau? Einst hatte sie gute Zeiten, daraus sind jetzt
schlechte Zeiten geworden. Warten auf Big Brother, der den Star aus diesem
Dschungel herausholt? Deutschland sucht den Superstar anderswo. Die
nüchterne Marktanalyse ist nicht so schwierig. Wenn sie bislang als
Putzfrau gearbeitet hat, findet sie ihre Kernkompetenzen im weiteren
hauswirtschaftlichen Bereich. Der Verkauf des Produkts Arbeitskraft im
Bereich von Massengutproduzenten wie Putzkolonnen wird durch die
Konkurrenz von Maschinen und Billigstkräften immer unwahrscheinlicher.
Also gilt es, kaufkräftige Alternativzielgruppen zu identifizieren, deren
Bedürfnisse zu erkennen und das Angebot auf diese Bedürfnisse
abzustimmen. Deutschland
wird immer älter. Die Lebenserwartung steigt steil an. Altersarmut mag künftige
Generationen bedrohen. Viele Senioren von heute haben durchaus die Mittel,
um sich Entlastung von den Mühen des Alltags einzukaufen. Vor allem, wenn
sie in ihrem Leben etwas geleistet haben, können sie sich etwas leisten. Doch
werden sich immer weniger leistungsstarke Senioren mit der Nassreinigung
großer Flächen begnügen. Wenn sie sich eine Haushaltshilfe einkaufen,
dann sollten kulinarische Fähigkeiten über die Erwärmung von Dosen und
Tiefkühlkost hinausgehen. Diese Nachfrager haben ihre Leistungsfähigkeit
aber auch im Rahmen eines positiven Sozialverhaltens ausgebaut, so dass
potentielle Mitarbeiterinnen sicherlich gut daran täten, beim Freiherrn
von Knigge in den Nachhilfeunterricht zu gehen. Wenn die Ex-Putzfrau aus
der Kolonne dann auch noch einen einjährigen Pflegegrundkurs, wie ihn
viele Volkshochschulen anbieten, erfolgreich absolviert hat, ist sie auf
dem besten Weg, mit Alleinstellungsmerkmal und Qualität ein zukunftsfähiges
Produkt anzubieten, dass mehr als nur 7,75 € pro Stunde einbringt.
|