Wir sind die Ossis

Bekannte sich in den siebziger und achtziger Jahren in der alten Bundesrepublik jemand dazu, ein Ossi zu sein, wusste sein Gegenüber sofort, woher dieser Mensch kam: Aus Ostfriesland. Dem Land von Henri Nannen und Otto Waalkes, das durch die Ostfriesenwitze in aller Munde war. Das Volk der Teetrinker hatte den Witz als Marketinginstrument erkannt und trotz aller Sturheit die Fähigkeit demonstriert, über sich selbst zu lachen. Der Ossi von damals war ein Markenartikel.

Doch dann stand das Volk jenseits der Elbe auf, um eine Führungselite aus greisen Parteibonzen und Sozialismusbürokraten zum Teufel zu jagen. Unter Gefahr für Leib und Leben stürzten sie eine Diktatur. Erkämpfen sich die Freiheit. Rissen die Mauer nieder. Stürmten die Stasi. Wer heute verächtlich über unsere ostdeutschen Landsleute herzieht, der möge sich selbst einmal fragen, ob er diesen Mumm je aufbringen würde.

Doch es war nicht nur eine Protestbewegung westlicher Art, die gegen alles ist. Es war eine urdemokratische Kraft, nach der man sich nur noch zurücksehnen kann. Landauf, landab entstanden runde Tische, an denen viele bislang eher unpolitische Menschen saßen und überlegten, wie man die Zukunft gestalten kann. Und auch die Marktwirtschaft erlebte eine Blüte an Ideen und Eigeninitiative. An allen Fernstrassen entstanden, ungehemmt von Bürokraten, Imbissbuden und Kleingeschäfte. Fast jeder war unterwegs, sein Glück zu suchen.

Aber dann schlug die westdeutsche Politbürokratie gnadenlos zu. Die richtige Partei hatte die einzige freie Volkskammerwahl gewonnen. In Windeseile wurde dem Osten das westliche System einer Demokratie aus lethargischer Bevölkerung und vollmundigen Politschauspieler übergestülpt. Die Menschen von der Straße wurden nach Hause geschickt. Dort sitzen sie immer noch. Sehen sich im Fernsehen Kakerlakenshows an und warten weiterhin auf die ihnen versprochenen blühenden Landschaften. Dabei gibt es die längst: Wo früher Menschen Arbeit gefunden haben, blühen heute Hahnenfuß und Löwenzahn.

Die wirtschaftliche Entwicklung nahm dann eine politische Elite in die Hand, die Wirtschaft für den Ort hielt, an dem es Pfälzer Saumagen gibt. Es boomte. Die umgetauschten Sparmilliarden wurden nicht etwa in die ostdeutsche Wirtschaft investiert, sondern in den Abbau von Lagerbeständen der Gebrauchtwagenhändler. Auch Drückerkolonnen von Versicherern und Zeitschriftenverlagen kamen auf ihre Kosten. Ärzte und andere reiche Wessis kassierten viele Jahre lang gigantische Steuergeschenke. Dafür bauten sie weitgehend unvermietbare Wohnungen und Einzelhandelsflächen auf der grünen Wiese, die mittelständischen Einzelhandel in den Innenstädten erst gar nicht aufkommen ließen. Inzwischen ist den Investoren aber schmerzlich klar geworden, dass in Leipzig und Dresden so schnell doch nicht die Mieten von Stuttgart oder München erzielbar sind. Dafür haben sie mit ihrer Immobilie ein Generationenprodukt: Erst ihre Enkel oder Urenkel werden beim Verkauf den Einstiegspreis erlösen.

Dieser Konsumboom hat natürlich kaum industrielle Arbeitsplätze geschaffen. „Warum soll ich für einen Markt wie Nordrhein-Westfalen neue Kapazitäten schaffen?“ So dachten viele westdeutsche Produzenten entgegen politischer Erwartung. Einige nahmen sogar dankbar die Einladung an, den ostdeutschen Mitbewerber durch Aufkauf und Schließung des Werkes vom Markt zu nehmen. Doch auch das Jammern über die Arbeitsmarktmisere dürfte bald ein Ende haben.

Viele der von Hartz IV betroffenen Menschen sind weit jenseits der 45. In etwa 10 bis 15 Jahren gehen sie in Rente. Ein großer Teil der arbeitsfähigen jungen Bevölkerung ist längst im Westen. Kinder werden kaum noch geboren. Bevölkerungsforscher rechnen spätestens dann mit Arbeitskräftemangel zwischen Rostock und Dresden.

Die Ossis aus Ostfriesland aber sind schon heute längst vergessen...